Reine Glückssache

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Weshalb herkömmliche Selbstverteidigungsmethoden nicht funktionieren können.

Was erwarten wir von einer guten Selbstverteidigung?

Sie muss zweierlei:

1. optimalen Schutz gegen die herkömmlichen Angriffe bieten,

2. sich in kurzer Zeit erlernen lassen.

Age-Uke_karate

Age Uke

Und schon bei der ersten Forderung hapert es im Allgemeinen; denn die Abwehrtechniken der meisten Selbstverteidigungsmethoden erweisen sich in der Praxis als untaugliche Mittel. So ist es mit der in den Budo-Stilen üblichen Blocktechnik nicht möglich, einen ansatzlos – ohne Ausholen und Ganzkörperbewegung – gestoßenen Faustangriff systematisch abzuwehren.

Diese kühn und ketzerisch erscheinende Behauptung haben meine Schüler und ich in Hunderten von Demonstrationen mit höchsten Dan-Trägern der diversen Stile immer wieder praktisch unter Beweis gestellt. Von zehn ansatzlos gestoßenen Faustangriffen konnte kaum jemand auch nur einen einzigen abwehren.
Dieses Versagen war keinesfalls auf das mangelnde persönliche Können des jeweiligen Versuchspartners zurückzuführen – oft handelte es sich um austrainierte Deutsche oder Europameister ihrer Disziplin; denn nicht der Mann oder die Frau versagte, sondern die benutzte Abwehrmethode war ungeeignet.

Damit die Abwehr eines Angriffes kein Zufallsergebnis ist, muss der Verteidiger zuerst Art und Ziel des
Angriffes erkennen, bevor er sinnvoll reagieren kann. Die Zeit, die das Gehirn des Kämpfers braucht, um
die Steuervorgänge zur Reaktion zu schalten, nennen wir die Hirnschaltzeit.
Die Schaltzeit ist umso länger, je mehr Informationen das Gehirn zur Identifikation, das heißt zum genauen Erkennen des Angriffes, benötigt.

Mit anderen Worten: Je mehr Denkschritte das Gehirn eines Kämpfers benötigt, um einen Angriff zu identifizieren und damit einer passenden Abwehr zuzuordnen, desto länger und ungünstiger wird seine minimale Reaktionszeit. Oder: Je weniger Entscheidungsschritte, desto kürzer und günstiger die minimale Reaktionszeit.

Je weniger Entscheidungsschritte,
desto intelligenter die Methode!

Je mehr Entscheidungsschritte,
desto umständlicher die Methode!

Zur Identifikation eines Elementes aus einer Menge von zwei Elementen benötigt man beispielsweise einen Entscheidungsschritt, bei vier Elementen zwei Schritte, bei acht Elementen drei Schritte und bei 16 Elementen vier Schritte.

Eine gute Selbstverteidigungsmethode muss mit möglichst wenig Zweierschritten jeden Angriff eindeutig identifizieren können.

Die Mehrzahl der traditionellen Methoden, die ich selbst betrieben habe, zwingt die Anwender dieser Stile aus einer Menge von 12 bis 24 Elementen zu lokalisieren.
Die Mehrzahl der herkömmlichen Methoden muss zunächst erkennen, in welcher Höhe der Angriff erfolgt. Man differenziert dabei meistens nach dem Merkmal „Höhe“ die drei Stufen: oben (jap. jodan), Mitte (jap. chudan) und unten (jap. gedan).

Soto Uke

Soto Uke

Viele Stile müssen auch berücksichtigen, ob es sich um einen Angriff mit dem rechten oder linken Arm, bzw. rechten oder linken Bein handelt, so dass das Merkmal „Seite“ zwischen links und rechts zu unterscheiden zwingt. Viele Stilisten werden hier behaupten, seitenindifferent zu sein, das heißt nicht hinsichtlich links oder rechts Unterschiede zu machen. Aber diese Auffassung ist trügerisch; denn die Frage ist nicht, ob z.B. ein Kämpfer einen rechten Fauststoß wahlweise mit linkem Außenblock oder mit rechtem Außenblock (z.B. im Karate Soto Ude Uke) abwehren könnte. Man müsste hier ein Stück weiterdenken und käme dann zu der realistischen Feststellung, dass man nach dem erfolgreichen linken Außenblock relativ gedeckt dasteht, nach dem erfolgreichen Block mit dem rechten Arm aber völlig ungeschützt dem immer folgenden Konterstoß des gegnerischen linken Armes ausgesetzt ist. Somit ist die Unterscheidung zwischen links und rechts für solche Methoden entscheidend über Sieg oder Niederlage.

Ein weiteres unerlässliches Merkmal ist die „Schlagform“, wobei nicht nur zwischen gerade und kurvig, sondern eigentlich auch zwischen den verschiedenen Winkeln der Kurve wohl differenziert werden müsste. Gerade darin besteht z.B. oft die Unmöglichkeit für einen Budoka, den Schwinger eines Schlägers oder den Haken eines Boxers sicher abzuwehren.

Abgedeckt wäre dadurch allerdings noch nicht einmal ein Faustrückenschlag, bei dem man wiederum zwischen verschiedenen Winkeln unterscheiden müsste, denn sicherlich lässt sich ein vertikaler Faustrückenschlag nicht so behandeln wie ein horizontaler oder diagonaler.

Ins Kalkül ziehen müsste man auch – was herkömmliche Methoden in der Regel aber nicht tun – die Frage, ob der Angriff auf die zentrale Drehachse des Körpers zielt oder mehr auf eine der beiden Seiten; denn sonst muss man den Angriff oft über die ganze Körperbreite zur Seite blocken, was mehr Kraft und Zeit erfordert und ein großes Risiko darstellt.

Die etablierten asiatischen Selbstverteidigungskünste müssen (oder müssten eigentlich) ihrer Struktur nach mindestens aus einer Menge von 12 bis 50 Elementen auswählen.

Wie wir z.B. auf die Zahl 12 kommen, möchten Sie wissen? Gehen wir der Einfachheit halber von den Merkmalen
„Höhe“ (oben, Mitte, unten), „Seite“ (links, rechts) und „Schlagform“ (gerade, kurvig) aus, obwohl diese keinesfalls zur Identifizierung eines Angriffes ausreichen.

Für drei Möglichkeiten der Höhe gibt es zwei Möglichkeiten der Seite, also schon einmal sechs Elemente. Jeder dieser Angriffe kann gerade oder kurvig erfolgen, so dass allein jetzt schon mit 12 Elementen (drei mal zwei mal zwei) gerechnet werden muss.
Realistisch müsste man für die meisten Stile von 24 bis 50 oder mehr Elementen ausgehen, so unzureichend
sind sie strukturiert.
Um zwischen 12 Elementen auszuwählen, braucht man 3.585 Zweierschritte oder bit. Bei 50 Elementen sind schon 5.644 bit erforderlich.

Leider steht uns im Kampf kein Computer, sondern nur unser eigenes beschränktes Hirn zur Verfügung, das durch die Situation schon genug gestresst ist und kaum Höchstleistung bringen kann. Und deshalb müssen wir mit jedem bit geizen.

Die Selbstverteidigungsmethode ist für mich die beste, die es mir aufgrund ihrer „intelligenten“ Struktur erlaubt, möglichst wenige oder besser gar keine Entscheidungen fällen zu müssen; denn jeder Entscheidungsschritt kostet Zeit. Kostbare Zeit.

Wieviel Zeit genau ein Entscheidungsschritt kostet? Da muss ich mich auf die Experten verlassen, die über die Nervenreizleitgeschwindigkeit mit einer Entscheidungsschritt-Taktzeit von 180 m/s rechnen. Bei 12 Elementen (3.585 Zweierschritte) ergibt sich demnach eine durch auch noch so viel Training nicht zu unterschreitende minimale Reaktionszeit von 0,745 Sekunden.
Bei 24 Elementen sieht es noch schlechter aus: 0,925 Sekunden!

Damit mich der geneigte Leser jetzt bitte nicht für weltfremd hält, räume ich ein, dass der normale Kämpfer, der solch eine umständliche Selbstverteidigungsmethode praktiziert, sich nicht daran hält und in den seltensten Fällen 0,745 oder besser 0,925 Sekunden nachdenkt und dann die Abwehrbewegung beginnt, für die er sich entschieden hat. Er müsste aber so vorgehen, wenn er zumindest theoretisch gegen alle Angriffe geschützt sein wollte.

Aufgrund negativer Erfahrungen weiß der kluge Anwender solch umständlicher Methoden aber, dass der Gegner weniger Zeit zu seinem Angriff braucht als er selbst zur Entscheidungsfindung. Deshalb verzichtet der fortgeschrittene Anwender von umständlichen Verteidigungsmethoden auf umfassendes, aber Zeit und Sieg raubendes Identifizieren des Angriffes und macht stattdessen die erste (aber nicht beste) Abwehr, die ihm in den Sinn kommt. Bei Fortgeschrittenen gründet sich diese Auswahl auf Erfahrung (siehe Anteperzeption), bei nicht so Fortgeschrittenen auf Panik.
Der Fortgeschrittene hofft also, z.B. einen Fauststoß richtig abwehren zu können, weil er aus der augenblicklichen Position der gegnerischen Faust (aufgrund seiner Erfahrung) das spätere Ziel erraten zu können glaubt. Das kann klappen, das kann aber auch nicht klappen. Und weil von einer systematischen Abwehrchance in diesem Fall nicht gesprochen werden kann, nennen wir Verteidigungsstile, die sich nur auf Anteperception verlassen, nicht Systeme, sondern bloß Methoden, das heißt Wege, die in der Vergangenheit öfter erfolgreich als erfolglos waren. Zurück zur Reaktionszeit. Sie gibt – wie Sie wissen – nur die bloße Hirnschaltzeit an. Eine Bewegung haben Sie immer noch nicht gemacht. Hinzurechnen müssen Sie jetzt noch die Zeit, die für die jeweilige Abwehrbewegung benötigt wird. Je
kürzer und ökonomischer die Abwehrbewegung ist, desto weniger Zeit brauchen Sie. Versuchsanordnungen zum Ermitteln der Zeit, die typische herkömmliche Abwehrbewegungen erfordern, sind nicht genormt, so dass die verschiedenen Quellen von den verschiedensten Zahlen ausgehen. Nehmen wir einmal an, dass eine Abwehrbewegung mit ca. 0,10 Sekunden nicht völlig falsch eingeschätzt ist, dann ergibt sich für die gesamte Abwehrzeit (Abwehrzeit = Reaktionszeit + Blockzeit) einer typischen umständlich strukturierten Verteidigungsmethode mit kulant gerechneten 12 Elementen:

Reaktionszeit + Blockzeit = Gesamte Abwehrzeit

0,754 Sek.           +  0,10 Sek.    = 0,854 Sek.

Stellen wir diese rund gerechnet 0,9 Sekunden der Zeit gegenüber, die ein guter Kämpfer benötigt, um z.B. einen ansatzlosen zentralen Fauststoß in der Nahdistanz auszuführen (ca. 0,15 bis 0,20 Sekunden), dann wird Ihnen deutlich, wie unmöglich eine erfolgreiche und systematische Abwehr nach den herkömmlichen Methoden ist.

Ansatzloser Angriff aus der Nahdistanz: ca. 0,10 Sekunden.

Durchschnittliche Gesamtabwehrzeit: bis zu ca. 0,854 Sekunden.

Sie meinen, jetzt wird Ihnen klar, weshalb unsere Versuchspartner unsere Fauststöße nicht abwehren konnten? Ich muss Sie leider noch mehr frustrieren, denn unser Standardexperiment gibt dem Partner viel mehr Chancen – mehr, als er sie jemals auf der Straße in einer realen Selbstverteidigungssituation hätte. Aber dennoch muss er getroffen werden!

Um den Versuch noch eindeutiger und umso transparenter zu machen, schenken wir dem Versuchspartner die lange Entscheidungszeit, indem wir ihm vorher exakt bezeichnen, mit welchem Arm wir wohin (Mitte der Brust) stoßen werden. Wir wünschen jedem unserer Leser, dass er im Ernstfall auf solch einen liebenswürdigen und verständnisvollen Gegner trifft.

Obwohl von dem Versuchspartner nun kein einziger Entscheidungsschritt erbracht werden muss, um den Angriff zu identifizieren, kann er den bekannten, aber ansatzlos gestoßenen Angriff nicht abwehren.

Weshalb nicht, möchten Sie wissen?

Weil sein Gehirn (nach Woodworth und Schlossbert, 1954) bei optischem Impuls in jedem Falle 0,2 – 0,3 Sek. braucht, um überhaupt zu „schalten“. Selbst wenn der Angriff (was in der Praxis nie der Fall ist) und damit die Abwehrbewegung schon vorher bekannt sind, geht es nicht ohne diese Zehntelsekunde, die verstreicht, bevor die Abwehrbewegung begonnen werden kann.

Eingesetzt in unsere Gleichung ergibt das:

Reaktionszeit + Blockzeit = Gesamte Abwehrzeit

0,10 Sek.               + 0,15 Sek.    = 0,25 Sek.

Die günstigste, aber völlig unrealistische Abwehrzeit, (das heißt: wenn der Angriff vorher bekannt ist) beträgt also nach herkömmlicher Methode mindestens 0,25 Sekunden.

Stellen wir dieser theoretisch besten herkömmlichen Abwehrzeit von 0,25 Sekunden eine durchschnittliche Angriffszeit von 0,15 bis 0,20 Sekunden gegenüber (manche unserer Lehrergrade schaffen sogar unter 0,10 Sekunden), wird Ihnen deutlich, dass der Anwender der herkömmlichen Blockmethode rein rechnerisch von vornherein besiegt ist.

Über diese Abwehrschwäche sind sich die realistischer denkenden Topkämpfer der herkömmlichen Stile zumindest unbewusst im Klaren. Deshalb sieht man ja z.B. auch keinen einzigen spezifischen Block bei Vollkontakt-Wettkämpfen!

vom_zweikampfDer Text enstammt dem Buch “Vom Zweikampf” von Keith R. Kernspecht, Gründer der europäischen Wing Tsun Organisation. Weitere Informationen findet ihr unter der offiziellen Webseite www.wingtsunwelt.com

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Die Biomechanik des Fauststoßes Teil4

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Schlussfolgerung der vorherigen Artikel:

Der gedrehte Schlag ist noch immer die beliebteste Technik aber einige Experten (wie Advincular, Anderson, and Demsy) und Stilrichtungen (wie Isshin Ryu und Wing Chun) vertreten die Meinung, dass der vertikale Fauststoß die effektivere Technik ist. Jede Auseinandersetzung mit diesem Thema sollte auf wissenschaftliche Tatsachen beruhen, und nicht irgendwelche Vermutungen berücksichtigen. Jeder, der das Thema behandelt, und nicht einfach nur blind irgendwelchen Traditionen folgt, wird zum Schluss kommen, dass der vertikale Schlag besser ist.

Beim gedrehten Schlag wird ca. ein Drittel der Kraft durch einen dünnen Knochen, die Elle, geleitet. Die Elle ist nicht dafür gedacht, Kräfte aufzunehmen, deshalb ist es richtig, dass wie beim vertikalen Schlag die Kraft zum größten Teil durch die Speiche geleitet wird. Außerdem kommt noch dazu, dass die Muskeln zum Beugen des Handgelenkes bei neutraler Armhaltung stärker gespannt werden können und somit das Gelenk stabiler halten. Allerdings muss man sagen, dass über das Thema Handgelenksmuskeln noch zu wenige Studien gibt, um wirklich auch in diesem Fall eindeutig sagen zu können, welcher Fauststoß besser ist.

Es gibt nur zwei Argumente, die für den gedrehten Schlag sprechen. Das erste lautet, dass durch das Drehen der Schlag stärker wird. Drehkraft, die normal (also im Winkel von 90 Grad) auf eine Bewegung wirkt, generiert zwar etwas zusätzliche Kraft, die in der Bewegungsrichtung ausgegeben wird, diese Verstärkung ist jedoch minimal. Russische Studien haben ergeben, dass nur 24 % der Kraft, die bei einem Schlag erzeugt wird, durch Schulter und Arm entstehen. Der Rest kommt vom Einsatz des Körpers (Verkhoshansky, Filimonov, Husyainov, & Garakyan, 1991). Das heißt, dass die zusätzliche Kraft, die durch das Drehmoment im Arm entsteht, noch viel kleiner als diese 24 %, und somit kaum erwähnenswert ist. Der gedrehte Schlag ist wahrscheinlich vor allem bei den Boxern deshalb so beliebt, weil durch das Drehen die Haut des Gegners mit dem Boxhandschuh eher verletzt wird. Das zweite Argument für den gedrehten Schlag lautet: Wenn der vertikale Schlag um so vieles besser ist, warum wendet ihn dann nicht jeder an?

Dieser Artikel erschien im Journal of Asian Martial Arts Vol. 9 Number 1, 2000.

Quelle: www.wingchunkungfu.de

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Die Biomechanik des Fauststoß Teil3

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Die Knochen

Die Kraft wird durch die Mittelhandknochen in zwei Reihen kleinerer Knochen übertragen, den so genannten Handwurzelknochen, von dort in die Elle und Speiche, und über den Oberarmknochen in den restlichen Körper. Der hier beschriebene Weg der Kraft ist bei beiden Schlagarten gleich, jedoch ist die Aufteilung der Kraft in den Knochen selbst völlig unterschiedlich. Bei verschiedenen Studien wurde die prozentuelle Aufteilung der Kraft in den Knochen gemessen. Bei solchen Studien übt man Druck auf die Hand aus, und misst dabei mit Elektroden den Kraftfluss im Arm. Das Auswerten einer Studie von 1984 ergab, dass beim vertikalen Schlag die Elle ca. 15 % der Kraft aufnimmt, und die Speiche die restlichen 85 % (Ekenstam, Palmer & Glisson). In einer Studie von 1987 verlief die Kraftverteilung bei ca. 18 % zu 82 %.

Dass die Kraft nicht zu gleichen Teilen durch die beiden Knochen übertragen wird, liegt daran, dass die Speiche am Handwurzelansatz einen größeren Umfang als die Elle aufweist. Daraus geschlossen ist die Speiche der stabilere Knochen und dafür da, um das Mehr an Kraft aufzunehmen.

Das ist allerdings beim gedrehten Schlag nicht der Fall. Hier nimmt die Elle ca. 37 % und die Speiche 63 % der Kraft auf. Das bedeutet fast die doppelte Belastung für die Elle. Diese Studien zeigen, dass der vertikale Schlag der anatomisch korrektere ist: Der massivere Knochen nimmt das Meiste der Kraft auf. Eine andere mögliche Erklärung für die Kraftaufteilung beim gedrehten Schlag erhält man, wenn man die Lage der Elle und Speiche zueinander genauer betrachtet. Bei abgewinkeltem gedrehten Arm ist die Elle relativ gesehen um 0,69 mm und bei ausgestrecktem, gedrehten Arm um 0,84 mm länger als im Normalzustand (Palmer, Glisson & Werner, 1982). Das ist insofern wichtig, da ja der Arm beim Auftreffen gestreckt und nicht abgewinkelt ist.

Die Länge der Elle hat großen Einfluss auf die Belastbarkeit des Handgelenkes. Das Erhöhen der Länge der Elle um nur 1 Millimeter bedeutet eine enorme Steigerung der möglichen Belastbarkeit dieses Knochen (Thrumble, Glisson, Seaber & Urbaniak, 1987). Die relative Länge der Elle ist auch maßgebend für die Aufteilung der Kraft zwischen Elle und Speiche während des gedrehten Schlages. Es finden aber noch mehr feine Veränderungen bei der Lage von Elle und Speiche statt: Liegen die beiden Knochen in neutraler Position annähernd parallel nebeneinander, so liegen sie beim Ausdrehen in einem Winkel von ca. 8 Grad zueinander (Palmer & Werner, 1987). Die relative Veränderung der Lage der Elle zur Speiche beim Drehen hat enorme Auswirkungen auf die Belastung, die der ganze Arm aufnehmen kann und somit auf die Stärke, mit welcher der Schlag ausgeführt werden kann (Epner, Bowers, & Guilford, 1982).

Die Muskulatur

Nicht die ganze Kraft wird über die Knochen übertragen. Ein Teil wird auch von der Muskulatur absorbiert. Vor allem das längsliegende Gewebe in an den beiden Handaußenkanten und ein dickes Gewebeband, das die beiden Stränge verbindet (triangular fibrocartilage complex), absorbieren Teile der Kraft und außerdem sorgen sie für die Stabilität des Handgelenks. Gerade das ist sehr wichtig. Wird nämlich das Handgelenk beim Treffen abgewinkelt, so ist keine optimale Kraftübertragung über die Knochen möglich, es besteht Verletzungsgefahr und der Schlag ist ineffektiv. Leider sind keine umfassenden Studien über die Auswirkungen in den Muskeln beim vertikalen und gedrehten Schlag vorhanden. Deshalb ist es auch nicht so einfach, die ideale Handgelenkshaltung zu finden, wie dies bei der Analyse der Knochen der Fall war.

Die wichtigsten Muskeln im Handgelenk sind die, welche für das Beugen und Strecken des Gelenks zuständig sind. Es passiert zwar manchmal, dass das Gelenk in Richtung Daumen oder des kleinen Fingers gebeugt ist, aber das ist noch lange nicht so gefährlich, wie wenn das Gelenk beim Auftreffen Richtung Handinnen- oder -außenfläche gebeugt ist. Das kann nämlich schwere Verletzungen verursachen. Die Muskeln selbst befinden sich eigentlich an der Unterseite im hinteren Teil des Unterarms, am Ellbogenansatz, und sind durch Sehnen mit der Hand verbunden. Bei neutraler Handhaltung liegen die Muskeln gerade in einer Linie, und bei ausgedrehter Hand sind auch die Muskeln verdreht (Anderson, 1982). Ein Muskel der gerade ist, kann sich leichter zusammenziehen, daher ist die Stabilität im Handgelenk beim vertikalen Schlag höher als beim gedrehten.

Wie mit den Muskeln zum Beugen der Hand nach unten verhält es sich mit denen zum Beugen nach oben. Sie befinden sich an der Oberseite des hinteren Teiles das Unterarms, und sind ebenfalls mit der Hand durch Sehnen verbunden. Auch sie halten das Gelenk beim vertikalen Schlag stabiler als beim gedrehten.

Dieser Artikel erschien im Journal of Asian Martial Arts Vol. 9 Number 1, 2000.


Quelle: www.wingchunkungfu.de

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Die Biomechanik des Fauststoßes Teil2

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Kraftanalyse

Das Handgelenk

Am Beginn dieser Diskussion ist es wichtig sich wieder an Newtons drittes Gesetz der Bewegung zu erinnern: Jede Bewegung erzeugt eine gleich starke Bewegung in die entgegengesetzte Richtung. Anders gesagt, immer wenn du gegen ein Objekt mit einer Kraft schlägst, schlägt dieses Objekt mit der selben Kraft zurück. Diese Kraft wirkt im ersten und zweiten Mittelhandknochen genauso stark wie an den Knöcheln selbst.

Bei einem Schlag mit hoher Geschwindigkeit werden unglaubliche Kräfte von den Knöcheln auf das Ziel übertragen, und laut Newton auch vom Ziel auf die Knöcheln. Mit einer Hochgeschwindigkeitskamera wurden Schlaggeschwindigkeiten zwischen 5,7 und 9,8 Metern pro Sekunde gemessen (Feld, McNair & Wilk, 1979). In einer jüngeren Studie wurden von Smith und Hamill Geschwindigkeiten von 11,03 Metern pro Sekunde bei einem Schlag mit der bloßen Hand und 11,57 Meter pro Sekunde bei einem Schlag mit einem Boxhandschuh gemessen (Smith& Hamill, 1986). Diese Geschwindigkeiten erzeugen unglaubliche Kräfte. In der älteren Studie wurden Kräfte zwischen 2400 und 2800 Newton gemessen. In der jüngeren Studie wurde ein Rückschlagimpuls von 42,01 Newton Sekunden mit der bloßen Hand und 53,73 Newton Sekunden mit einem Boxhandschuh gemessen. Bei so hohen Geschwindigkeiten und Kräften kann jeder kleine Fehler bei der richtigen Schulter und Armposition dazu führen, dass die Kräfte nicht richtig durch die Knochen geleitet werden können.

Die Kraft wird von den Knöcheln zunächst auf die Knochen der Hand übertragen. Die erste Reihe dieser Knochen ist relativ lang und dünn; die sogenannten Mittelhandknochen. Der zweite und dritte Mittelhandknochen (des Zeigefingers und des Mittelfingers) ist gewöhnlich stabiler als der vierte und fünfte (des kleinen und des Ringfingers). Ein Treffen mit dem Knöchel des kleinen Fingers würde eine Fraktur dessen Mittelhandknochens bewirken, dies wird allgemein als „Boxer Fraktur“ bezeichnet.

Beim Aufprall der Faust übertragen die Knochen einen Teil der Belastung auf die umliegende Muskulatur und anderes umliegendes Gewebe, wie zum Beispiel Knorpel. Einiges dieser Aufprallkraft wird auch von der Haut und den Muskeln die direkt am Trefferpunkt liegen absorbiert (Feld, McNair & Wilk, 1997). Theoretisch wird auch ein Anteil der Kraft sofort in einen anderen Teil des Körpers als den Arm transferiert.

Dieser Artikel erschien im Journal of Asian Martial Arts Vol. 9 Number 1, 2000.

Quelle: www.WingChunKungFu.de

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Die Biomechanik des Fauststoss

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Gedrehter oder vertikaler Fauststoß?

Menschen bekämpfen sich gegenseitig seit Anbeginn der Zeit. Irgendwann haben sie entdeckt, dass das Formen der Hand zu einer Faust und das Treffen mit den Knöcheln zu einem viel effizienteren Schlag führt. Im Laufe der Zeit haben sich dann die zwei unterschiedlichen Arten des Treffens mit der Faust entwickelt. Natürlich gibt es mehrere Arten des Fauststoßes, aber hier werden nur die beiden Wichtigsten behandelt.

Der gedrehte Schlag (die Faust ist beim Treffen in horizontaler Position) war beim Boxen und in den traditionellen Kampfkünsten über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, die „beliebteste“ Technik, und ist es heute noch.

Der vertikale Schlag nimmt allerdings überhand in den so genannten „neuen Kampfkünsten“, wie z. B. im Isshin Ryu Karate (gegründet ca. 1956) und Wing Chun (gegründet ca. 1776). Dieser Artikel untersucht die Biomechanik der beiden Schläge und bestimmt welcher effektiver und weniger anfällig für Selbstverletzung ist.

Bevor jedoch eine vernünftige Diskussion über dieses Thema begonnen werden kann, ist es erforderlich zu wissen, worauf bei der Ausführung der beiden Schläge zu achten ist und wie sie ausgeführt werden: Getroffen wird bei beiden Schlägen mit nur zwei Knöcheln (die des Zeige- und Mittelfingers) der Faust, das Gewicht wird auf das gegenüberliegende Bein der schlagenden Hand verlagert. Die Hüfte, der Torso und die Schultern werden tangential in Richtung des Schlages gedreht. Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Techniken äußert sich in Schulter- und Handgelenk (und der unterschiedlichen Beugung des Ellbogengelenks). Hier ein bisschen mehr dazu.

Beim traditionellen, gedrehten Schlag wird die Hand beim Ausstrecken so gedreht, dass in der Endposition die Handfläche parallel zum Boden liegt. Von der Biomechanik her gesehen ist der Unterarm durch die Handhaltung verdreht und die Schulter muss nach innen und unten gedreht werden, um verspannen zu können.

Der vertikale Schlag hingegen funktioniert anders. Die Bewegung des Armes wird ohne jegliche Drehung ausgeführt, und auch die Schulter bleibt in der ursprünglichen Position. Sie wird nur nach unten verspannt, anstatt gedreht. Es ist wichtig festzustellen, dass die Position von Hand, Handgelenk, Ellbogen und Schulter abhängig sind von der Art des Schlages (z. B. Schwinger und Aufwärtsblock). Diese Diskussion bezieht sich auf den geraden Fauststoß.

Einige Kampfkunstexperten sind der Meinung, dass der vertikale Schlag der bessere der beiden Fauststöße ist. Einer von diesen ist Arsenio James Advincula. Er lernte das Isshin Ryu Karate vom Begründer dieses Stiles, von Tatsuo Shimabuku. Der vertikale Schlag ist die primäre Angriffstechnik im Isshin Ryu. Laut Advincula bevorzugte Shimabuku diese Technik, da er der Meinung war, dass er schneller und stärker ist als der gedrehte Schlag. Advincula wollte seinen Standpunk beweisen, indem er sich einmal bei verspanntem Arm in der Endposition des gedrehten und einmal in der Endposition des vertikalen Schlages gegen den Arm drücken ließ. Es wurde schnell klar, dass das Verspannen bei der vertikalen Technik besser möglich war, da man mehr Kraft als beim gedrehten Schlag aufbringen musste, um Advinculas Arm zu bewegen. Umgesetzt auf Newtons drittes Gesetz der Bewegung bedeutet dies, dass er der Kraft, die auf den Arm drückt, mit der selben Kraft entgegen wirken muss, um den Arm stabil zu halten, und diese ist, wie oben beschrieben, beim vertikalen Schlag größer.

Unerwartete Zustimmung zum Prinzip des vertikalen Schlages erfolgte vom früheren Schwergewicht Boxchampion Jack Demsey. Unerwartet deshalb, weil gerade Boxer den gedrehten Schlag sehr bevorzugen. Demsey ist der Meinung, dass man leicht selbst überprüfen kann, welche die bessere Technik ist: Man stellt sich ein bisschen weiter als die Armlänge ausmacht vor eine Wand. Nun streckt man beide Arme in die Endposition des vertikalen Schlages aus und lehnt sich nach vorne gegen die Wand, so, dass man diese nur mit jeweils zwei Knöcheln jeder Hand berührt. So an die Wand gelehnt dreht man nun die Arme in die Endposition des gedrehten Schlages. Man wird feststellen, dass ein großer Teil der Stabilität verloren geht (Demsey, 1978).

Beide (oben beschriebene) „Experimente“ beweisen, dass der vertikale Schlag viel stabiler ist als der gedrehte. Mehr Stabilität verhindert, dass Kraft in eine andere als die primäre Schlagrichtung verloren geht, und weil die ganze Kraft in die selbe Richtung geht, ist er die stärkere der beiden Techniken. Außerdem würde die „verlorene“ Kraft nicht richtig durch die Knochen übertragen werden können, was bedeutet, dass sie von weichem, nicht dafür vorgesehenem Gewebe absorbiert werden muss, und das führt zu Verletzungen.

Auch der frühere Champion im Wettkampfkarate Dan Anderson ist von der Überlegenheit des vertikalen Schlages überzeugt. Sein Argument lautet, dass der Arm in der Endposition genauso gedreht ist, als würde er neben dem Körper herunterhängen; die Knochen und Muskeln sind also in ihrer natürlichen Position (Anderson, 1982). Gesetzt dem Falle Mr. Anderson läge richtig mit diesem Argument, so müsste es sich mit einem Blick in wissenschaftliche Fachliteratur bestätigen lassen.

Eine wissenschaftliche Bestätigung ist überhaupt sehr wichtig. Man kann eine der beiden Techniken nicht aufgrund von Eigenexperimenten bevorzugen. Erschwerend ist allerdings, dass es keine genormten Prüfbedingungen zu diesem Thema gibt. Nichts desto trotz gibt es einige solcher Studien über Fausttechniken bereits, jedoch bis jetzt noch keine, bei welcher der gedrehte und der vertikale Schlag direkt miteinander verglichen werden.

Dieser Artikel erschien im Journal of Asian Martial Arts Vol. 9 Number 1, 2000.

Quelle: WingChunKungFu.de

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