Lo Man Kam: Yim Wing Chun

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Yim Wing Chun lebte mit ihrem Vater Yim Lee ( Yim Yee ) in der Kwantung Provinz in China. Yim Wing Chun war mit Leung Bok Chow, einem Salzhändler aus der Fukien-Provinz, verlobt. Yim Wing Chuns Mutter war kurz nach der Verlobung der beiden gestorben und ihr Vater war aus bis heute noch ungeklärten Umständen in der Kwantung Provinz unter Anklage gestellt worden. Um einer möglichen Inhaftierung zu entgehen floh Yim Lee mit seiner Tochter an den Fuß des Tai Lung Berges und ließ sich dort mit ihr nieder. Yim Lee betrieb in dieser Gegend ein Bohnen-Quark-Geschäft ( Tofu ). Dort kam es nun zum ersten Kontakt zwischen Ng Mui und Yim Wing Chun, da Ng Mui sehr oft Tofu im Geschäft von Yim Lee kaufte.

Im Alter von fünfzehn Jahren wurde Yim Wing Chun, wie es zu jener Zeit Sitte war, zur Heirat freigegeben. Die Schönheit Yim Wing Chuns zog die Aufmerksamkeit der jungen Männer auf sich. Besonders angetan von Yim Wing Chuns ansprechendem Äußeren war ein ortsansässiger Tyrann und Angeber, der sie versuchte unter Drohungen dazu zu zwingen ihn zu ehelichen. Da ihr Verlobter Leung Bok Chow noch immer in der Kwantung ( Kanton ) Provinz lebte, konnte er ihr nicht zur Seite stehen und auch nicht deutlich machen, dass Yim Wing Chun bereits vergeben war. Der ungewollte Verehrer ließ keinen Tag vergehen ohne Yim Wing Chun wissen zu lassen, dass sie ihn heiraten werde, egal welche Mittel er anwenden müsse. Die ständigen Drohungen des Mannes machten Yim Wing Chun und ebenso ihrem Vater Yim Lee große Sorgen. Eines Tages erfuhr auch Ng Mui von den ständigen Bedrohungen denen die beiden ausgesetzt waren, als sie wie üblich bei Yim Lee einkaufen war. Ng Mui hatte Mitleid mit dem Schicksal Yim Wing Chuns und versprach ihr, sie in der Kunst des Kämpfens zu unterrichten. Diese sollte Yim Wing Chun befähigen den bedrängenden Verehrer zurückzuweisen um doch noch ihren Verlobten heiraten zu können.

Ab jenem Tag folgte Yim Wing Chun ihrer Lehrerin Ng Mui täglich um sich in der Kunst des Kämpfens unterweisen zu lassen. Yim Wing Chun war eine gelehrige Schülerin und übte fleißig die ihr gezeigten Techniken. Als sie nach einiger Zeit die Bewegungsabläufe, die Ng Mui ihr vermittelt hatte, beherschte, forderte sie den Tyrannen und Angeber, als dieser abermals versuchte ihr zu drohen, zu einem Zweikampf heraus. Er nahm die Herausforderung voller Hohn an, da er sich seines Sieges über eine schwache Frau völlig sicher war und glaubte dadurch sein Ziel Yim Wing Chun heiraten zu können ebenfalls in greifbarer Nähe. Am Tag des Kampfes sollte es jedoch völlig anders kommen, als es sich der Angeber erhofft hatte. Nach einem kurzen Kampf hatte Yim Wing Chun über ihren Gegner triumphiert. Die erlittene Schmach aber brachte diesen dazu die Bemühung Yim Wing Chun zu ehelichen aufzugeben, da er erkennen musste, dass einer Kämpferin wie Yim Wing Chun auch mit Drohungen nicht beizukommen war. Ng Mui erfuhr von dem Ereignis und ihr war klar, dass ihre Schülerin die ihr gelehrten Techniken beherrschte und sich auch im richtigen Kampf behaupten konnte. Nach dieser Begebenheit verließ die Nonne Ng Mui ihre Schülerin, da sie nun keine Lehrerin mehr benötigte, und begann wieder durch das Land zu reisen. Bevor Ng Mui jedoch gegangen war, hatte sie Yim Wing Chun das Versprechen abgenommen, die ihr weitergegebene Kunst des Kung-Fu aufrecht zu erhalten und sie an Patrioten, die am Sturz der Ching-Dynastie und der Restauration der Ming-Dynastie interessiert waren, weiterzugeben.

Aus allen Berichten ergibt sich, dass das vollendete Wing Chun System in engem Zusammenhang mit der Nonne Ng Mui steht.

Nach dem Yim Wing Chun ihren Verlobten Leung Bok Chow geheiratet hatte, gab sie die Kunst des Kämpfens, wie es ihr von Ng Mui aufgetragen worden war, an ihren Gatten weiter, der dem System, zu Ehren seiner Frau, den Namen Wing Chun Kung Fu ( andere Varianten der Legnde besagen, der Name des Stilles habe sich von einer Halle innerhalb des Shaolin Tempels abgeleitet, die Wing Chun Halle hieß ).

Sifu Lo Man Kam erwähnte gegenüber uns vor einiger Zeit, dass man anhand der Bewegungsstruktur des Wing Chun Kung Fu, zumindest darauf schließen kann, dass es von einer Frau entwickelt wurde, da alle Bewegungen auch in traditionellen chinesischen Frauengewändern ausgeführt werden könnten. Dies würde man vor allem auch an den Kicks des Systems sehen, die ausschließlich für tiefe Angriffe gedacht sind. Auch dies erklärte sich durch die Roben, welche die Chinesinnen früher trugen.

Leung Bok Chow gab die Kunst des Kämpens an Leung Lan Kwai weiter. Dieser wiederum lehrt Wong Wah Bo die Kunst, der zu dieser Zeit Mitglied einer Opernschautruppe war, die an Board einer Dschunke lebte ( Es wird berichtet, dass es sich dabei um die Operntruppe der “Rooten Dschunke” Gehandelt haben soll, die Anfang bis Mitte des 18. Jahrhunderts historisch belegt werden kann). Unter den Kameraden, die mit Wong Wa Bo an Bord der Dschunke arbeiteten und lebten, war ein Mann namens Leung Yee Tai, der die Langstocktechnik (Luk Dim Boon Kwun oder Six and a Half Point Pole) von einem Koch des Schiffes erlernt hatte, der in dieser Kunst zu kämpfen ein wahrer Meister war.

Es stellte sich heraus, dass der Koch des Schiffes niemand anderer war, als Meister Chi Sin aus dem Kloster am Sung Berg. Die enge Freundschaft zwischen Wong Wah Bo und Leung Yee Tai und unzählige gemeinsame Trainingstunden führten dazu, dass sie das Wissen über die Fertigkeiten ihrer Kampfkünste austauschen und sich gegenseitig in den verschiedenen Techniken unterrichteten. Zu guter Letzt führte der Austausch zur Aufnahme der Langstock-Technik in das Wing Chun Kung Fu System. Es wird ebenfalls angenommen, dass in dieser Periode das Training an der Holzpuppe (Muk Yan Jong) und die Kunst der Doppelmesser (Cham Dao, Form: Bart Cham Dao) Aufnahme in das System fanden.

Leung Yee Tai gab dieses nunmehr ausgeweitete System des Wing Chun Kung Fu an einen äußerst bekannten und hochgeschätzten Arzt der Stadt Fo Shan in der Kwantung-Provinz weiter. Leung Yee Tai lehrte in alle Geheimnisse der Kunst und sein Schüler erreichte nach einiger Zeit des Unterrichts die Höchste Perfektion in den ihm gelehrten Fertigkeiten. Der Ruf dieses Schülers mit Namen Leung Yan verbreitete sich im ganzen Land. Es kamen zusehend mehr Herausforderer aus den verschiedensten Regionen Chinas um sich mit ihm zu messen. Doch keiner der Herausforderer, gegen die Leung Yan kämpfte, war im Stande ihn zu besiegen und wurde von ihm meist mühelos geschlagen. Dies brachte ihm den Titel “König des Wing Chun” (Wing Chun Wong oder Yongchunwang) ein. Ein Journalist namens Au Soy-Jees schrieb sogar ein Buch über ihn.

Leung Yan war aufgrund seiner Tätigkeit als Arzt ( andere Quellen sagen, er sei kein Arzt, sondern ledeglich Kräuterkundiger gewesen) ein äußerst angesehener und reicher Mann in Fo Shan und beabsichtige, trotz seiner Erfolge in der Kunst des Kämpfens, nicht diese Tätigkeit aufzugeben um sich nur noch dem Wing Chun Kung Fu System zu widmen. Er unterrichtete seine beiden Söhne Leung Bik und Leung Tsun undnur noch ganz wenige andere Schüler, da sein Beruf ihm dafür nur eine begrenzte Zeit ließ. Weil Leung Bik, der älteste Sohn Leung Yans, nicht die Fähigkeiten besaß, die Fertigkeiten des Wing Chun Kung Fu Stils so perfekt zu erlernen, dass er sie hätte weitergeben können, fiel diese Aufgabe Leung Yans bestem Schüler Chan Wa Shun zu. Chan Wa Shun war ein äußerst hitziger Kämpfer, der viele Siege errang. Die meisten Erfolge hatte er seiner ungestümen Art zu kämpfen zu verdanken. Die Technik des Systems dagegen vernachlässigte er sehr. Er hatte nicht genügend Verständnis um seinen eigenen Kampfstil oder die einzelnen Techniken genauer zu analysieren. In diesem analytischen Denken war Leung Bik, der älteste Sohn von Leung Yan, Chan Wa Shun um einiges überlegen. Chan Wa Shun hatte trotz alledem eine größere Achtung in Fo Shan, da er mehrere spektakuläre Siege errungen hatte und so ergab es sich, dass Leung Bik Fo Shan verließ und nach Hong-Kong ging.

Chan Wa Shun unterrichtete nicht sehr viele Schüler in Fo shan, da seine Trainingsgebühren mehrere Unzen Silber betrugen und sich diese Summe nur sehr reiche Familien leisten konnten. Erwähnenswerte Schüler Chan Wa Shuns sind,  Ng Siu Lo, Ng Chung So, Chan Yu Min, Yu Chai und Yip Man, die er viele Jahre unterrichtete.

Aus dem Buch “Siu Lim Tao – Die kleine Idee” zusammengestellt von Marc Debus. Es enthält Texte von Sifu Lo Man Kam, Gorden Lu, Marc Debus, Philip Müggler und Horst Uecker.

Weitere Informationen findet ihr hier: www.lo-man-kam.de

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